Theorie der Psychoanalyse

Die Psychoanalyse geht als Konflikttheorie von widerstreitenden Kräften in der Persönlichkeit aus. Das Ziel der psychoanalytischen Behandlung besteht darin, dem Patienten bei der Suche nach einer persönlichen Kontinuität und bei der Bewusstmachung seiner unbewusst gewordenen Lebensgeschichte zu helfen.
Ziel der psychoanlytischen Arbeit ist nicht ein Funktionieren - nach nach äußeren Vorgaben - oder gar ein Leben in Konfliktfreiheit, sondern die Entwicklung einer eigenständigen, reifen Persönlichkeit, der es gerlingt, möglichst stimmige Entscheidungen zu treffen und Konflikten nicht auszuweichen, sondern sie als zum Leben gehörig zu betrachten und konstruktiv zu lösen. 
Die Psychoanalyse stellt vielmehr eine Methode dar, mit deren Hilfe der einzelne Mensch seine unbewussten Motive erforschen kann, deren  Existenz anerkennen sowie abgespaltene und abgewiesene Teile seines Selbst integrieren kann.
Häufig sind es unbewusste Motive, wie zum Beispiel unbewusste Schuldgefühle, die zu Hemmungen, Arbeitsstörungen oder auch Selbstbestrafungstendenzen bis hin zu schweren Depressionen führen können und durch die sich ein Mensch fremdbestimmt erleben kann. Daher geht es in der Psychoanalyse um eine Befreiung von verinnerlichten Fremdbestimmungen, welche die Ursachen für psychische Störungen und damit verbundene Symptome sind.
Freud hat das Ziel der Psychoanalyse kurz und klar umrissen: „Wo Es (das Unbewusste) war, soll Ich werden.“

Psychoanalytiker verkünden keine unumstößlichen Wahrheiten. Es sollte ihnen vielmehr darum gehen, dem suchenden Patienten in der psychoanalytischen Behandlung einen Raum mit den Bedingungen für eine authentische und wahrhaftige Kommunikation und Entwicklung anzubieten - d.h. einen Beziehungs- und Entwicklungsraum.

Bei vielen Menschen ist die Fähigkeit zu bewusstem und selbstverantwortlichem Denken eingeschränkt. Diese Fähigkeit hängt auch von den emotionalen Erfahrungen der Kindheit ab. Seelisch-geistiges Wachstum kann als lebenslanger Prozess verstanden werden, der für die persönliche Reifung notwendig ist. Die Prägungen der Triebe und Emotionen in allen Lebensphasen zu (er)kennen und etwas daraus zu machen, ist gute Grundlage für eine solche Reifung, die mit geistiger Wachheit, mit Neugier und Kreativität einhergeht und das Erleben von Wirklichkeit und Lebendigkeit ermöglicht.

Wenn konflikthaft erlebte Emotionen zu schmerzlich, zu belastend und zu ängstigend erfahren werden,stellen sie eine bedrohung für den Betreffenden dar; dann können diese Gefühle als fremd erfahren werden, werden oft abgewehrt („verdrängt“) und damit unbewusst.
Sie haben dann weitreichende psychische Störungen zur Folge.
Besonders die frühen Beziehungserfahrungen eines Menschen prägen die Erlebensmuster, die dann oft lebenslang wirken; wenn diese Muster zu emotionalen Einschränkungen und starren, unangmessenen Verhaltensweisen führen, beengen sie den betreffenden in seiner Beziehungsfähigkeit. 
Wenn z.B. die wichtigen Bezugspersonen einem Kind in seinen ersten Lebensjahren nicht die notwendigen zuverlässigen und emotional befriedigenden Beziehung anbieten (können), entsteht ein Mangel an emotionaler Kompetenz, d.h., eine Hilflosigkeit im Umgang mit Gefühlen. Denn nur in einer hinreichend positiv erlebten Beziehung kann ein Kind die in seiner Entwicklung unvermeidlichen Erfahrungen von Schmerz, Hass, Abhängigkeit und Angst, von Neid und Eifersucht, Frustration und Verlust, später von Schuld ertragen lernen.

Wenn dies nicht gelingt, ist die Entwicklung der kindlichen Psyche umfassend gefährdet. Können emotionale Erfahrungen nicht verarbeitet und integriert werden, behindern sie erheblich die gesamte psychische Entwicklung. Mit den Folgen befasst sich nicht nur die Psychoanalyse als Krankenbehandlung, sondern auch andere Humanwissenschaften: die Medizin mit den psychosomatischen Erkrankungen, die Pädagogik mit Verhaltens- und Lernstörungen, die Psychiatrie mit schweren psychischen Defekten.

Tendenziell wirken sich alle Defizite einer Persönlichkeitsentwicklung in vielen gesellschaftlichen Bereichen aus, nicht nur in Form manifester Erkrankungen.

Daher ist die Behandlung psychischer Störungen nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Gesellschaft von großer Bedeutung.