Psychoanalyse als Behandlungsmethode

Die Psychoanalyse ist eine Behandlungsmethode, in deren Zentrum die persönliche Beziehung zwischen dem Patienten und dem Psychoanalytiker steht. Alles, was in dieser Beziehung erlebt wird, ist geprägt von den Erfahrungen, die der Patient in seinem Leben gemacht hat. Seine Gefühle zu erleben, sie zu zeigen und auszusprechen ist für den Menschen eine Herausforderung und oft mit Angst verbunden - sowohl mit der Angst vor dem Unbekannten in sich selbst als auch vor den Reaktionen der Mitmenschen.

Die Psychoanalyse kann dem Einzelnen helfen, sich dieser Herausforderung zu stellen. Die Befreiung des Erlebens und Denkens in einer psychoanalytischen Behandlung erwächst auf dem Boden eines oft schmerzlichen Erkenntnisprozesses. Er kann nur gelingen, wenn die analytische Situation von einer Atmosphäre der Toleranz für das scheinbar Unannehmbare geprägt ist. Wissen zu wollen und dabei der Wahrheit verpflichtet zu sein sind Grundhaltungen in / bei der Psychoanalyse. Diese Grundhaltung, verbunden mit einer Aufmerksamkeit des Analytikers, die nicht auf etwas Bestimmtes ausgerichtet ist, wenn er dem Patienten zuhört, wird als die „gleichschwebende Aufmerksamkeit“ bezeichnet. Diese Einstellung des Analytikers zusammen mit seinem Angebot an den Patienten, alles mitzuteilen – dies wird als die „freie Assoziation“ bezeichnet – sind die methodischen Bedingungen, um einen analytischen Prozess einzuleiten, in dem das Unbewusste im Erleben der analytischen Beziehung aktiviert, gedeutet und damit erkennbar werden kann.

Mittels dieser Methodik entwickelt sich ein spezifisches Beziehungserleben zwischen dem Patienten (Analysanden) und seinem Analytiker. Die moderne psychoanalytische Entwicklungsforschung hat gezeigt, dass die frühen Beziehungserfahrungen die Grundlage darstellen für die seelische Struktur, das Selbstgefühls und das spezifische Erlebens von Wirklichkeit. Solche frühen Beziehungsmuster werden in der psychoanalytischen Behandlung wiederbelebt und wiedererlebt - mit dem Ziel, sie zu verstehen und für neue Beziehungserfahrungen und Konfliktlösungen zu nutzen.  

Die psychoanalytische Theorie beschreibt diese Vorgänge als Übertragung (d.h., aus dem eigenen Leben bekannte Gefühle werden in der Beziehung zum Analytiker wiederbelebt und auf ihn "übertragen"). Im Zentrum der psychoanalytischen Aufmerksamkeit stehen nicht allein abgewehrte Triebimpulse, sondern die so genannte Objektbeziehung (= die Beziehung zum anderen), wie sie sich im emotionalen Erleben in der Übertragung (und der Gegenübertragung – das ist die Bezeichnung für wiederbelebte Gefühle im Psychoanalytiker) zwischen Analysand / Patient und Analytiker in der psychoanalytischen Behandlungssituation aktualisiert. Die therapeutische Interaktion, die die Erkenntnisse über die frühe Zwei-Personen-Beziehung von Mutter und Kind wie auch über Drei-Personen-Beziehungen (Vater-Mutter-Kind, Geschwister-Mutter-Kind) benutzt, wurde zum entscheidenden therapeutischen Instrument.

Wenn ein Mensch sich nicht angemessen auf innere und äußere Anforderungen des Lebens einstellen kann, hat das mit Hemmungen und Ängsten zu tun; diese sind wesentlicher Ausdruck (Symptome) neurotischer und psychosomatischer Erkrankungen. So werden Erkrankungen genannt, die mit bestimmten körperlichen Symptomen einhergehen, deren seelische (Mit-)Verursachung erfahrungsgemäß sehr wahrscheinlich ist. Die Entwicklung zu einer (selbst-)bewussten, eigenen Persönlichkeit (Individualität), zu der die Psychoanalyse beitragen will, soll den einzelnen dazu befähigen, seine Gedanken, Gefühle und Wünsche als seine eigenen zu akzeptieren und sie zu nutzen. Freud hat als Ziele der psychoanalytischen Behandlung genannt: Liebes- und Arbeitsfähigkeit.